Wie ein blinder Fleck eine Unternehmensnachfolge zum Kentern bringt

Zwischen 2014 und 2018 steht in Deutschland bei rund 135.000 Familienunternehmen die Nachfolge an. Laut einer Studie gestalten nur rund 12% die Weitergabe des Unternehmens bis in die dritte Generation erfolgreich.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Sie reichen von Problemen bei rechtlichen und finanziellen Aspekten bis hin zu unüberbrückbaren, menschlichen Differenzen.

Ein bisher wenig beachtetes Phänomen in Nachfolgeprozessen ist der blinde Fleck. Ein unscheinbarer, oft unbemerkter und deshalb so mächtiger Gast in all unseren Gehirnen. Gleich des kaum sichtbaren Eisbergs, der die Titanic zum Kentern gebracht hat, ist er in der Lage fast ungesehen mitunter mehrjährige Bemühungen um eine Nachfolge zum Scheitern zu bringen.

„Blinder Fleck bezeichnet […] die Teile des […] Ichs, die von einer Persönlichkeit nicht wahrgenommen werden.“
aus wikipedia - de.wikipedia.org/wiki/BlinderFleck(Psychologie)

Diese Definition klingt im ersten Moment vielleicht nicht weiter dramatisch – wir bekommen eben in bestimmten Situationen etwas nicht mit.

Wir haben in unserer Arbeit häufiger erlebt, dass dieses Phänomen die Macht und die Kraft hat, immensen wirtschaftlichen und persönlichen Schaden anzurichten. Menschen mit einem blinden Fleck neigen zu bestimmten Haltungen und Verhaltensweisen, die vom Umfeld zwar bemerkt und vielleicht auch rückgemeldet werden, zu dem Betroffenen aber nicht durchdringen – die Person ist ja blind, auf eine bestimmte Art und Weise unerreichbar.

Vor diesem Hintergrund entstehen auf allen Seiten Interpretationen, die im Laufe der Zeit für viel Unverständnis und Unmut bis hin zu zerrütteten Beziehungen führen.

Im Kern ist der blinde Fleck ein Abwehrmechanismus unserer Psyche.

"Abwehrmechanismen sind „[…] psychische Vorgänge, die den Zweck haben, miteinander in Konflikt stehende psychische Tendenzen […] mental so zu bewältigen […], dass die resultierende seelische Verfassung konfliktfreier ist.“
aus wikipedia - de.wikipedia.org/wiki/Abwehrmechanismus

Blindheit ereilt uns überall dort, wo wir innere Konflikte haben, überfordert sind, weil es in uns unterschiedliche und bedeutsame Strömungen, Strebungen gibt. Mithilfe unserer Blindheit sind wir in der Lage unangenehme Gefühle, Konflikte und Widersprüche auszublenden, um uns mit uns und der Welt mehr im Einklang zu fühlen und handlungsfähig zu bleiben.

Die Sicherheit und Handlungsfähigkeit, die ein blinder Fleck mit sich bringt, kann sehr trügerisch und mitunter verheerend sein.

In privaten Beziehungen können blinde Flecken dazu führen, dass Menschen sich ständig in Trennungssituationen wiederfinden, obwohl sie aus ihrer Perspektive immer das vermeintlich Richtige tun. Das ist für die betreffende und die dazugehörigen Personen (Partner, Ex-Partner, vielleicht Kinder, Eltern etc.) oft eine schwierige und schmerzhafte Situation. Der Kreis der Betroffenen Menschen ist hier relativ überschaubar.

Geht es um die Leitung eines gewachsenen Unternehmens kann ein blinder Fleck für einen sehr großen Menschenkreis sehr unangenehme, belastende bis hin zu katastrophale Auswirkungen haben. Der Kreis der betroffenen Menschen ist unüberschaubar und entsprechenden groß.

Um dies weiter zu verdeutlichen, skizzieren wir ein beispielhaftes Szenario:

Frau A ist seit 30 Jahren Gründerin und Inhaberin einer erfolgreichen Modefirma mit 800 Mitarbeitern. Sie möchte in 5-10 Jahren das Unternehmen an ihre Tochter Frau B übergeben und ist voller Stolz und Freude, weil ihre Tochter das Steuer übernehmen möchte. Frau B wiederum ist erfolgreiche Rechtsanwältin und Steuerberaterin und hat sich im Laufe der letzten 10 Jahre intensiv auf das Thema Nachfolge vorbereitet. Sie kennt das Unternehmen seit ihren Kindertagen und freut sich die Nachfolge anzutreten. Frau A hat weiterhin ein 10-köpfiges Management-Team C gebildet, das ihr sehr nah und mit fast allen wichtigen Führungsaufgaben überwiegend operativ betraut ist.

Position A, also die der Gründerin und Inhaberin, hat im Kern häufig mit Alter, Vergänglichkeit, nachlassender Kraft und Angst vor Bedeutungslosigkeit zu tun.

Wenn Frau A ihr ganzes Leben und weite Teile ihres Seins in das Unternehmen investiert hat, kann es passieren, dass sie am Ende nichts anderes Wertvolles in ihrem Leben kennt als die Arbeit, das Dasein als Chefin. Das wird es ihr vermutlich sehr schwer machen loszulassen. Was würde auf sie warten, wenn sie loslässt, abgibt? Bedeutungslosigkeit, Langeweile, ein Dasein als Pensionärin?

Eben noch Chefin eines Unternehmens mit 800 Mitarbeitern, im nächsten Moment allein gelassen mit einem Privatleben, das ihr schwer fällt zu füllen. Wer mag es ihr verübeln, dass sie das ausblendet, blind wird für ihre Ängste, Zweifel und Nöte, die sie sehr wahrscheinlich haben wird.

Ein Symptom dieser Blindheit könnten ständige Konflikte mit ihrer Tochter Frau B sein, die es nicht recht machen kann, die einfach nicht genügt, sodass Frau A immer noch da sein muss, um das Unternehmen zu retten, zu führen und voranzubringen.

Ein Symptom von innerer Blindheit können ständige Konflikte mit bestimmten Personen sein, die es nicht richtigmachen. Sich selbst erlebt man dann als unverzichtbar.

Öffentlich könnte Frau A betonen wie sehr sie hinter ihrer Tochter steht, wie stolz sie ist, aber faktisch hält sie noch immer alle Zügel in der Hand, um die Geschicke des Unternehmens zu lenken. Frau A hat immer wieder viele gute Gründe, warum sie noch nicht abgeben kann.

Insgesamt hätte Frau A ihr Dilemma also vorerst emotional gelöst – dank eigener Blindheit, dank eines blinden Flecks, bräuchte sie nicht abzugeben, sich nicht mit der drohenden Bedeutungslosigkeit und Langeweile konfrontieren. Frau A könnte immer wieder rational darlegen, warum sie das Unternehmen noch nicht übergeben kann.

Öffentlich und offensichtlich bleibt Frau A im Amt, während Frau B und vielleicht Teile von Team C immer genervter und frustrierter werden. Bis hin zur inneren Kündigung, beginnender Fluktuation, Lagerbildung und letztlich Aufgabewillen sowie Rückzug und Kündigung aller oder mehrerer Beteiligter.

Schauen wir uns genauer an, was da zu 80% der unter Oberfläche lauert und so viel Potential hat, trotz viel guten Willens aller Beteiligter so viel Schaden anzurichten.

Wie wir gesehen haben, bleibt das indifferente Verhalten von Frau A nicht folgenlos. Da sowohl Frau A selbst als auch alle anderen Beteiligten noch nicht wissen, dass sie es mit einem blinden Fleck zu tun haben, kommt es zu unterschiedlichen Interpretationen ihres Verhaltens.

Unser Gehirn vergleicht Gehörtes und Gesehenes direkt mit unseren langjährig gemachten Erfahrungen und Glaubenssätzen und interpretiert darauf basierend unseren Input. Mit dem Ergebnis, dass es in eine vermeintlich passende gedankliche Schublade einsortiert wird. Dabei läuft die emotionale Bewertung des Geschehens um ein vielfaches schneller ab als die sachliche. Bevor wir also einen klaren Gedanken fassen können, kocht vielleicht schon der Puls, alles scheint ganz klar und somit überlagert die emotionale Ebene die rationale.

Wir interpretieren Menschen und deren situatives Verhalten vor allen Dingen emotional. Emotionales „Denken“ läuft um ein vielfaches absoluter und schneller als rationales Denken ab

In unserer Kommunikation bildet die rationale Ebene nur die 20%ige Spitze des kommunikativen Eisberges. Die emotionale Ebene nimmt den 80%igen Anteil des Eisberges unter der Wasseroberfläche ein. D.h., dass die Beziehung zwischen Sender und Empfänger oftmals eine ungleich größere Bedeutung hat.

Frau B könnte das Verhalten ihrer Mutter sehr persönlich nehmen. Vielleicht schlummert in ihr der Glaubenssatz, nicht gut genug zu sein. Das wäre sehr schmerzhaft für sie und verstellt ihr den Blick auf andere mögliche Interpretationen.

Team C könnte sich ständig in Loyalitätskonflikten und Grabenkämpfen hinsichtlich von Frau A und B befinden. Ein Teil des Teams hat Angst, an Macht und Einfluss einzubüßen, wenn Frau A geht. Ein anderer Teil des Teams freut sich auf den frischen Wind, den Frau B mitbringt.

Auf kurze oder lange Sicht würde die Unternehmensnachfolge scheitern – an einem unscheinbaren, kaum sichtbaren Phänomen, ähnlich wie die Titanic.
Rein an der Oberfläche sieht alles soweit ganz gut aus. Die richtigen Schritte sind getan, alles ist auf den Weg gebracht. Der Nachfolgeprozess zerschellt nicht an den 20% der Sachebene, sondern an dem, was unter der Oberfläche nicht sichtbar ist: dem blinden Fleck - nicht geborgenen Emotionen, die im Ergebnis zu negativen Interpretationen verleiten. 

Das traurige Ende dieser Geschichte könnte sein, dass vielleicht niemand mehr übrig ist außer Frau A – mit ihrem Ableben würde dann auch das Unternehmen sterben oder von einem größeren Player übernommen und diversifiziert werden. Hunderte direkte, vielleicht tausende indirekte Arbeitsplätze, eine starke Marke und jahrzehntelange Tradition wären gefährdet. Ein gewaltiger persönlicher und wirtschaftlicher Schaden.

Blinde Flecken sind etwas sehr Menschliches – sie können uns alle jederzeit ereilen.

Es gibt Wege, blinde Flecken zu erkennen und aufzulösen. Der Kurswechsel ist möglich und wenn er gelingt, bringt er viele positive Eigenschaften, Effekte mit sich. Es ist mitunter harte Arbeit und es braucht Geduld, die Blindheit aufzulösen – aber es ist Arbeit, die sich bewältigen lässt und die sogar Spaß und neugierig machen kann, die aufregend und sehr erkenntnisreich ist.

Um blinde Flecken zu erkennen und aufzulösen, braucht es in den meisten Fällen Feedback, eine Rückmeldung von außen. Ein blinder Fleck wäre ja kein blinder Fleck, wenn ich ihn sehen könnte. Da es sich bei einem blinden Fleck wie eingangs erwähnt um einen Abwehrmechanismus unserer Psyche handelt, wird ein Feedback oftmals aber erst einmal abgestoßen, negiert, als nichtzutreffend bewertet. Im Ergebnis bleibt der blinde Fleck damit wirksam und die Frustration aller Beteiligten steigt. Was also tun?

4 Schritte zum Kurswechsel:

  • Das Thema „blinder Fleck“ mit in den Nachfolgeprozess nehmen - Bewusstsein für das Thema entwickeln und es im Hinterkopf behalten
  • Die eigenen bisherigen Interpretationen über das Stocken im Nachfolgeprozess überprüfen und schauen, ob sich durch die neue Information eines möglichen blinden Flecks die eigenen Haltungen verändern können
  • Zeit und Geduld mitbringen - in der Regel der schwierigste Punkt
  • nach einer guten und kompetenten Unterstützung suchen

Um Menschen mit einem spezifischen binden Fleck zu erreichen, braucht es eine gute Beziehungsebene, Neutralität, viel Vertrauen und letztlich eine gewisse Form emotionaler Intimität.

In unserem Beispiel würde es darum gehen, mit Frau A hinsichtlich ihrer verdeckten Emotionen in Bezug auf die Nachfolge zu arbeiten. Also auf der emotionalen Ebene die schwierigen Gefühle bergen und einer Bearbeitung zugänglich machen – um dann mit Frau B und Team C vor allen Dingen auf der Beziehungs-Ebene zu schauen, inwieweit sich praktikable Lösungen und Kompromisse finden lassen.

Es genügt meistens nicht, einem Menschen einfach nur ein Feedback zu geben – das ist lediglich der rationale Teil, der deskriptive Part einer Bearbeitung von Blindheit, die 20% über der Oberfläche. Es braucht vielmehr einen emotionalen Raum, der es dem Betroffenen möglich macht, die dem blinden Fleck zugrundeliegenden Gefühle zu erkennen, zu spüren und zu bearbeiten und die 80% aufzudecken, die unter der Oberfläche verborgen liegen. Gelingt dies, kann am Ende aus dem blinden Fleck ein neuer Gestaltungsraum entstehen und ein neuer Kurs eingeschlagen werden.

Ein Kurs, der am Eisberg vorbeiführt und die Unternehmensnachfolge wirtschaftlich und persönlich gelingen lässt.

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